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title: 'Der Ork-Schamane'
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date: '2026-11-01'
description: 'Die Erzählung „Der Ork-Schamane“ entführt den Leser in eine ländliche Grenzsiedlung in der russischen Oblast Belgorod, die unmittelbar an die Ukraine grenzt und an deren stillgelegtem Kontrollpunkt im Oktober der düstere Austausch gefallener Soldaten stattfindet. Vor dem Hintergrund der sich rasch …'
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    - Übersetzungen
  tag:
    - Russland
    - Ukraine
    - Kirche
    - orthodox
  autor:
    - 'Marina Achmedowa'
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# Der Ork-Schamane

Ein orthodoxer Priester gerät angesichts der Toten beider Kriegsparteien in eine tiefe Glaubenskrise und muss sich der Frage stellen, ob er wirklich jeden Menschen als Ebenbild Gottes lieben kann – auch den Feind.

 [Marina Achmedowa](https://chartophylax.de/autoren/marina_achmedowa) 1. November 2026 Lesezeit: ca. 47 Minuten

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*Die Erzählung **„Der Ork-Schamane“** entführt den Leser in eine ländliche Grenzsiedlung in der russischen Oblast Belgorod, die unmittelbar an die Ukraine grenzt und an deren stillgelegtem Kontrollpunkt im Oktober der düstere Austausch gefallener Soldaten stattfindet. Vor dem Hintergrund der sich rasch annähernden Frontlinie und der drohenden Evakuierung des Dorfes begleitet die Geschichte den orthodoxen Priester Vater Sergij durch eine schwere innere Glaubenskrise: An den Leichenbeuteln beider Seiten zerbricht sein bisheriges Weltbild an der erschütternden Erkenntnis der menschlichen Sterblichkeit und dem Ringen um christliche Feindesliebe. Als die Dorfbewohner fliehen, weigert sich der Seelsorger zu gehen und harrt in seiner abgedunkelten Kirche aus – eine tiefgreifende, hochaktuelle Erzählung über Würde, Vergebung und die Suche nach Hoffnung inmitten des Grauens des Krieges.*

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Während Vater Sergij auf der Anhöhe stand, wechselte das Wetter dreimal. Ein rascher Regen zog vorüber, die Sonne kam hervor und ließ das Gras unten im Tal milchig-grün erscheinen. Auch aus dem Brustkreuz Vater Sergijs, das unten mit einem großen grünen Stein geschmückt war, schlug die Sonne einen satten Funken. Für einen Augenblick wölbte sich das Tal hervor, rückte näher an die Anhöhe heran, als hätte man ein vom Regen gewaschenes Vergrößerungsglas davorgehalten. Und in Vater Sergijs Brust flatterte ein warmes, friedliches Gefühl auf. Doch das Wetter schlug erneut um – Wind kam auf, die Sonne verschwand, das graue Tal rückte wieder in die Ferne. „Gedanken an den Tod hindern am Leben“, dachte Vater Sergij beunruhigt und rief sich sogleich selbst ins Gedächtnis: „Es gibt keinen Tod.“

Unter ihm fuhren auf der Straße zwei lange weiße Kühlfahrzeuge vorbei und ein Bus, in dessen Fenstern Männerprofile vorüberhuschten. Vater Sergij lief die Anhöhe hinab, und das Gefühl der Unruhe ergriff ihn ganz.

Es war Oktober, über der Rjasa trug Vater Sergij eine warme Weste. Im Laufen bemerkte er, dass sich ringsum alles verändert hatte; er erkannte und erkannte doch nicht den seit Kindertagen vertrauten Ort – die Grenze, an die seine große Siedlung unmittelbar angrenzt. Er sah dasselbe Stück Himmel mit den gewohnt zerzausten Wolken, dieselben Kiefern, unter deren mächtigen Zweigen jetzt die Kühlfahrzeuge entlangfuhren. Doch irgendetwas stimmte an alldem nicht mehr, und Vater Sergij erinnerte sich noch einmal eindringlich: „Es gibt keinen Tod.“

Er stieg hinunter auf die Straße. Die Kühlfahrzeuge waren längst zum Grenzübergang in die Ukraine abgebogen. Der Übergang war seit etwa einem Jahr, nach kurzen Kampfhandlungen, außer Betrieb. Vater Sergij ging ebenfalls dorthin, am Straßenrand unter den Kiefernzweigen, und lauschte ihrem leisen Rauschen. Beim blauen Schild bog Vater Sergij noch einmal links ab, und da holte ihn der Geländewagen des Gemeindevorstehers Jegor Andrejewitsch ein. Der Wagen hielt, aus dem Fenster schob sich das rote Gesicht Jegor Andrejewitschs; laut seufzend sah er Vater Sergij vielsagend an. Aus der anderen Tür stieg ein Militär mit Aktentasche – ein Mann mittlerer Größe und ebenso mittleren Alters. Schweigend ging er neben Vater Sergij die Straße entlang, Jegor Andrejewitsch aber blieb im Wagen und wartete.

„Sind Sie zum ersten Mal hier?“, fragte der Militär.

Vater Sergij hielt kurz inne, blickte freundlich in die hervortretenden Augen dieses Mannes und nickte, die Hände ausbreitend, als wollte er sagen: „Zum ersten Mal. Haben Sie Geduld und verzeihen Sie mir meine Fehler.“ Der Militär nickte ebenfalls und pickte dabei mit seiner großen Nase in die Luft. Sie gingen schweigend weiter. Als sie die Betonsperren erreichten, zeigte der Militär darauf:

„Wenn etwas ist, werfen Sie sich dahinter.“

Sie hatten bereits die Häuschen des Kontrollpunkts auf unserer Seite passiert und blieben an einem eisernen Tisch unter einem Vordach stehen, an dem früher das Gepäck der Reisenden durchsucht worden war. Von hier aus war das Schild „Ukraine“ zu sehen. Die Kühlfahrzeuge standen gleich hier, auf dem breiten Platz. Die Tür des einen stand bereits weit offen, und Vater Sergij sah, dass es leer war. Der Militär holte aus der Aktentasche ein paar im Wind flatternde Blätter und eine Thermoskanne hervor, mit der er die Blätter auf dem Tisch beschwerte. Vater Sergij überflog die Zeilen; es waren untereinander geschriebene Nachnamen – Nikolajew, Petrow, Semjonow. Er sah sich um und erblickte unversehens, etwa zwanzig Meter von sich entfernt, ein Maschinengewehr. Es stand auf der ukrainischen Seite unter zwei nebeneinander gewachsenen Birken, und sein Lauf zeigte genau in Vater Sergijs Richtung. Hinter dem Maschinengewehr lag ein Mann in ukrainischer Uniform auf dem Boden. Vater Sergij begriff: Das Maschinengewehr war aufgestellt, um die Vertreter der Ukraine zu schützen, die jeden Augenblick erscheinen sollten. Vater Sergij zuckte zusammen, sein ganzer Körper drängte zur Seite, doch er hielt stand, schnaubte sogar kurz und stellte mit entschlossenem Klirren das Weihrauchfass auf den Tisch. Ihm kam das Gespräch mit dem Wladyka in den Sinn, der ihn persönlich angerufen und gebeten hatte, hierherzukommen. Vater Sergij bereute nicht, dass er sofort zugesagt hatte, ohne sich auch nur mit Matuschka Anna zu beraten, und auch als er erfuhr, dass viele Priester abgelehnt hatten, bereute er es nicht – zumal seine Siedlung der Grenze am nächsten lag und somit von Vater Sergij auch mehr verlangt wurde.

„Wann kommen die Ukrainer?“, wandte er sich leise an den Militär.

„Müssten schon da sein“, antwortete der Militär kaum hörbar.

Vater Sergij wandte sich in Richtung Ukraine und begann, innerlich seufzend, zu warten. Auf der anderen Seite scharrten Birkenblätter trocken über den Asphalt, und jene ganze Hälfte hätte verlassen gewirkt, wäre da nicht der Soldat hinter dem Maschinengewehr gewesen. „Lebe im Hier und Jetzt“, befahl sich Vater Sergij streng und wählte dabei die Worte, mit denen er seine Gemeindemitglieder oft aufrief, nicht mehr an die Vergangenheit zu denken oder sich allzu sehr um die Zukunft zu sorgen. Doch jetzt war es Vater Sergij selbst unbehaglich in der Gegenwart; er wollte die Sache lieber rasch hinter sich bringen und diesen Ort verlassen, an dem die vertrauten Kiefern fremd aussahen. Er wünschte sich zurück in seine Kirche, wo er erst am Morgen einen Neuentschlafenen ausgesegnet hatte – den dreiundsechzigjährigen, missratenen Witka, der seltsamerweise im Kreise einer liebenden Familie gestorben war. Oder in die Zukunft – bei der Matuschka zu sein, in seinem Garten an der Kirche. Vater Sergij dachte daran, dass er das Leben in der Gegenwart also aus Gewohnheit gepredigt hatte – weil auch sein Leben ein gewohntes war und er seinen ruhigen, sorgenfreien Komfort für die Annahme des Hier und Jetzt gehalten hatte und für die Bereitschaft, Gott in jeder Sekunde von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. „Gott ist nur in der Sekunde der Gegenwart anwesend“, pflegte er zu sagen. „Und bei welcher Tat er einen antrifft, nach der wird er auch richten.“ Und nun stellte sich heraus, dass ihm selbst nicht jede Sekunde der Gegenwart passte und dass er am liebsten rasch die Schultern straffen und aus dieser hier herausspringen wollte. Seine Augenbrauen wanderten nach oben – so sehr verblüffte ihn dieser Gedanke, dass er sowohl das Maschinengewehr als auch die Kühlfahrzeuge vergaß.

„Wie?“, dachte Vater Sergij. „So viele Jahre der Kirche gegeben, und Er blickt genau in dieser Sekunde her und wird nach ihr richten?“ Der Wind hatte sich nicht gelegt, sondern schien sich gleichsam zu ducken; eine für das Ohr unangenehme Stille trat ein. Vater Sergij warf einen Blick auf den Bus, darin saßen nach wie vor, im Profil gewandt, die Männer. Jetzt erkannte Vater Sergij, dass sie in einheitliche hellblaue medizinische Kleidung gekleidet waren. Sie rührten sich nicht, schwiegen und schienen stumme Zeugen dieser Sekunde zu sein. Vor Angst geriet Vater Sergij ins Schwitzen. „Wie?“, wiederholte er. „Ich habe gedient, getraut, ausgesegnet, unterwiesen, und Er verurteilt mich allein dafür, dass ich in dieser Sekunde die Angst nicht bezwingen kann?“ Vater Sergij machte einen Schritt, sodass das Maschinengewehr ihm nun direkt auf die Brust gerichtet war, und straffte die Schultern. Von der anderen Seite tauchten gerade zwei Männer in schwarzen Jacken auf – der eine von mittlerer Größe und mittlerer Statur, der andere klein und vierschrötig. Sie gingen ohne Eile. Wieder blies der rastlose Wind, die Blätter auf dem Asphalt zuckten, kamen in Bewegung und krochen davon, in Richtung der russischen Grenze. Einige, die bis zum Tischchen gelangten, wirbelten um die Rjasa Vater Sergijs.

Die beiden in den Jacken traten an den Tisch, nickten schweigend; die Hand reichte einander niemand. Der eine – dunkel, gedrungen, breitschultrig – stellte sich vor:

„Michajlo.“

Der andere schwieg.

Der russische Soldat trat an den Tisch, zog unter der Thermoskanne Blätter hervor und reichte sie Michajlo ebenfalls schweigend. Dieser holte seine eigenen, der Länge nach gefalteten, aus der Tasche und legte sie auf den Tisch; Vater Sergij, der am nächsten stand, konnte sie gerade noch packen, bevor der Wind sie davontrug. Sein Blick erhaschte einige Nachnamen: „Iwanow, Petrow“.

„Fehlt nur noch Sidorow“, seufzte Vater Sergij laut, während er die Blätter dem russischen Soldaten weiterreichte. Dieser nahm sie entgegen und sah ihn vielsagend an, mit einem Blick, der ihn aufforderte, nichts zu kommentieren. Von ukrainischer Seite kamen zwei ebensolche weiße, lange Kühlfahrzeuge und ein Bus herangefahren. Auch sie hielten auf dem Platz – direkt gegenüber den bereits Wartenden. Vater Sergij hörte, wie sich die Türen der Busse öffneten. Aus ihnen stiegen Männer in gleicher medizinischer Kleidung und in weißen Gummihandschuhen. Als er sich umwandte, sah er das Innere des geöffneten Kühlfahrzeugs, das bis zur Mitte mit prallen schwarzen Säcken vollgepackt war, die zu klein schienen für den Körper eines erwachsenen Menschen.

Die Männer aus dem russischen Bus fassten zu zweit die Säcke an, die im Kühlfahrzeug von der ukrainischen Seite gebracht worden waren, und trugen sie in ihr leeres Kühlfahrzeug hinüber. Die Ukrainer taten dasselbe – sie trugen die Säcke aus dem russischen Kühlfahrzeug in ihres. Alles geschah leise, schnell und monoton, und vielleicht schien deshalb in ihren Bewegungen etwas Verstohlenes, beinahe Diebisches zu liegen. Vater Sergij beobachtete ihre Arbeit mit teilnahmsloser Miene. Als er sich jäh umdrehte, kreuzte sich sein Blick mit dem Michajlos; der grinste. Vater Sergij hob die Brauen und blickte ebenfalls mit einem spöttischen Lächeln zurück, als hätte er in der Beichte gerade die übelste Sünde angehört.

„Ein Kaplan?“, fragte ihn Michajlo.

„Ein Priester“, antwortete Vater Sergij, noch immer spöttisch lächelnd. „Kapläne gibt es bei den Katholiken.“

„Ich hatte schon vergessen, dass es bei euch Priester gibt“, sagte Michajlo.

„Bei uns oder auch bei euch?“, fuhr Vater Sergij auf. „In welcher Kirche sind Sie getauft?“

Michajlo wandte sich ab und winkte mit der Hand, um mit dieser Geste zu verstehen zu geben, dass er das Gespräch nicht fortsetzen wolle. Vater Sergij begegnete nun dem drückenden Blick des russischen Militärs, der von der Anspannung, die sich in seinem Gesicht spiegelte, einer Krähe ähnlich geworden war. Auch Vater Sergij wandte sich von Michajlo ab und rief sich ins Gedächtnis, wie viele Menschen daran gearbeitet hatten, dass dieser Austausch zustande kommen konnte, und dass man sie nicht aufs Spiel setzen durfte um eines Wörtchens willen, das sich aus Vater Sergijs Brust drängte.

Vater Sergij schwieg die ganzen zehn Minuten, während die Arbeit lief, doch als man schon zum Ende kam, sah er Michajlo gutmütig an und sagte beinahe heiter:

„Getauft sind Sie aber doch in jener Kirche, die ich vertrete.“

Michajlo tat, als hätte er nichts gehört. Vater Sergij griff sich vom Tischchen das Weihrauchfass und begann mit der freien Hand seine Taschen abzusuchen. Er fuhr in beide Taschen der Rjasa, in die Taschen der Weste, sogar in die Innentasche, und fand schließlich das Feuerzeug. Hastig stellte er das Weihrauchfass auf das Tischchen zurück, hielt das Feuerzeug an den Weihrauch und drehte am Rädchen; es knackte, aber Feuer gab es keines. Vater Sergij drehte noch einmal und noch einmal, bis er begriff, dass das Gas im Feuerzeug aufgebraucht war. Vater Sergij schwitzte und knöpfte die Weste auf. Selbst der grüne Stein an seinem Kreuz sah beschlagen aus. Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und wandte sich an den Militär:

„Haben Sie keine Streichhölzer?“

Der schüttelte verneinend den Kopf.

„Sie auch nicht?“, wandte sich Vater Sergij an den Mann, der mit Michajlo gekommen war.

Der gab durch seinen Gesichtsausdruck zu verstehen, dass er auch keins habe. Vater Sergij schnaufte hilflos und wollte schon zu den Bussen gehen, doch in diesem Moment zog Michajlo eine schwarze lange Röhre aus der Tasche, klappte den Deckel davon zurück, drückte auf einen Knopf, und aus der Röhre schoss eine hohe blaue Flamme. Vater Sergij streckte rasch das Weihrauchfass hin und hielt plötzlich inne, blickte genauer hin – ihm schien, er habe am unteren Ende der Röhre ein weißes, bekanntes Zeichen erkannt. Michajlo folgte seinem Blick und verdeckte das Zeichen schnell mit dem breiten Finger, doch Vater Sergij hatte dennoch die kompromisslose Spannweite der Flügel und den gekrümmten Schnabel des Nazi-Adlers erkannt. Michajlo hielt ihm das Feuer hin, Vater Sergij zögerte, die Stirn gerunzelt, das Weihrauchfass an sich gedrückt, den Blick auf die blaue Flamme gerichtet. Schließlich streckte er das Weihrauchfass hin, der Weihrauch zischte, begann zu qualmen, Michajlo grinste, klappte das Feuerzeug zu und trat beiseite. Vater Sergij wurde ernst und schien sogar zu erblassen, auch er wollte schon gehen, doch Michajlo sagte:

„Sieh nur, Kaplan, was wir in der Ukraine für gute Feuerzeuge haben.“

Vater Sergij lächelte nachsichtig. Der Militär trat näher an ihn heran und stellte sich hinter ihn, als wolle er ihn vor etwas warnen. Das graue Rauchfähnchen pustete und kräuselte sich in Richtung der Kühlfahrzeuge, als hätte es Eile, zu ihnen zu gelangen.

„Ein gutes Feuerzeugchen“, bestätigte Vater Sergij. „So eines hätte ich auch gern.“

„Ich schenk es dir, Kaplan“, sagte Michajlo.

„Schenk es mir jetzt“, willigte Vater Sergij ein, den die Neugier zerriss, ob er den Adler richtig gesehen hatte.

„Jetzt kann ich nicht.“ Michajlo legte die Hand auf die Tasche. „Jetzt brauche ich es selbst noch. Warte aufs nächste Mal.“

„Ich warte“, antwortete Vater Sergij. „Nur ist das Feuerzeug nicht die Hauptsache.“

„Und was ist die Hauptsache?“, fragte Michajlo.

„Das Gas“, antwortete Vater Sergij. „Wessen Gas, Michajlo, ist in deinem Feuerzeug?“

Michajlo hörte auf zu grinsen, und Vater Sergij ließ ein siegreiches Kichern hören. Er nahm das Weihrauchfass und ging flott zu den Leichenkühlwagen, vergessen, wie unbehaglich ihm hier eben noch gewesen war. Und dann kam auch noch wieder die Sonne hervor, das Wetter wechselte unaufhörlich, und die mächtigen Pranken der Kiefern, über ihm ausgebreitet, wurden wieder sanft und antworteten mit derselben Heiterkeit, die sich in Vater Sergijs Stimmung eingestellt hatte. In ihm klang noch immer das siegreiche Kichern nach, und das Weihrauchfass klirrte ihm fröhlich dazu. *Kaplan*, sagte er bei sich. *Was für ein Kaplan bin ich dir? Ich bin mit dir im selben Taufbecken des Dnepr getauft! Dann hättest du mich schon gleich beschimpfen sollen, wie es bei euch üblich ist, als Ork-Schamanen! Ihr habt Gott verraten, das ist es! Und dein Feuerzeugchen ist von der NATO. So sind eure Kämpfer ohne Gott geblieben, weder Priester noch Kaplan ist da, sie auszusegnen – unsere aber werde ich aussegnen.*

In den Kiefern sang ein Vogel, und Vater Sergij zuckte zusammen, als hätte ein Maschinengewehr zu rattern begonnen. Er stellte sich vor den Kühlwagen. Wieder schien es ihm, in den Säcken könnten keine Soldaten liegen, sondern es lägen Kinder darin, doch schnell begriff er, dass die Körper nach dem Tod lange gelegen und an Gewicht verloren hatten; aber er konnte sich nicht von dem Gefühl befreien, als segne er Kinder aus, und davon traten ihm von selbst die Tränen in die Augen.

Alle hatten schon in den Bussen Platz genommen, waren bereit zur Abfahrt, es war still geworden, man wartete nur noch darauf, dass Vater Sergij die Totenmesse für die russischen Soldaten zu Ende las – die ukrainischen auszusegnen hatte man ihn nicht gebeten. Er begann hastig zu singen, bedrückt davon, dass er alle aufhielt, und erinnerte sich, wie er selbst eben noch möglichst schnell von hier hatte fortgehen wollen. Das Weihrauchfass klirrte in einer Weise, die einer Totenmesse nicht ziemte; Vater Sergij hielt inne und stimmte das Gebet langsam an. Und als alles langsam geworden war, kehrte seine frühere Angst zu ihm zurück, unter der Skufia hervor rann der Schweiß, und in seinem Kopf tauchte deutlich ein fremder Gedanke auf. „Der Mensch liegt da“, so lautete er. „Der Mensch liegt da!“, wiederholte Vater Sergij und erinnerte sich voller Entsetzen an sich selbst, wie er eben noch in einen Streit mit Michajlo vertieft gewesen war und siegreich gekichert hatte, während genau hier in den Säcken Menschen lagen. Die für einen Priester ohnehin nicht kräftige Stimme Vater Sergijs brach, er wiederholte bei sich: „Der Mensch liegt da!“ – und es schien ihm, als sei ihm in diesen Worten die endgültige Wahrheit erschienen. „Der Mensch – Bild und Gleichnis Gottes – im Sack, getötet“, sagte sich Vater Sergij, „Bild und Gleichnis, Iwanow, Petrow, Sidorow.“ Er begann wieder zu singen, doch im Vergleich zu jener Stimme, die jetzt drohend in ihm schrie: „Der Mensch liegt da!“, klang seine äußere Stimme schwach. Er dachte an Matuschka Anna, die oft auf seine schlechte Stimme schimpfte, und der Gedanke an sie unterbrach etwas Feierliches, das in ihm aufzusteigen bereit war. Angestrengt sang er aus Leibeskräften. Wieder kam Wind auf, blähte die Rjasa wie ein schwarzes Segel, und plötzlich schoss unter dem Boden des Kühlwagens ein Schwarm Blätter hervor, huschte ihm vor die Füße und flog unter seiner Rjasa hindurch in Richtung der Straße, über die er gekommen war. Die Bö legte sich noch eine Minute lang nicht, und immer neue Blätter flogen unter der Rjasa hervor, während er das Gebet dröhnte, und schienen gleichfalls Teil des Rituals zu sein. Vater Sergij sang die letzten Worte des Gebets dumpf hallend zu Ende, beruhigte das in Schwung geratene Weihrauchfass, wandte sich zum Gehen, und als er sich dem Kühlwagen mit den ukrainischen Leichen gegenübersah, schwenkte er das Weihrauchfass in dessen Richtung und ging unvermittelt mit herrischem Schritt dorthin, die Schultern gestrafft, und von außen schien es, als gebe es keine Macht auf Erden, die ihn auf dem Weg zu den anderen Iwanows, Petrows, Sidorows hätte aufhalten können. Er rief sich in Erinnerung, dass man sie nicht ohne Erlaubnis der ukrainischen Seite aussegnen durfte, die, da sie Gott abgeschworen hatte, keiner Totenmessen bedurfte, und dass er diese Eigenmächtigkeit mit dem Leben bezahlen konnte, doch schon finster die Stirn runzelnd sang er das Gebet über den ukrainischen Toten und hatte es hallend bis zur Mitte gesungen, als seine Stimme mit einem Mal von selbst absank, und so sehr Vater Sergij sich auch mühte, seine Stimme verkümmerte nur noch mehr und war gegen Ende des Gebets kaum noch zu hören. Vater Sergij fragte sich voller Erstaunen: „Was tust du da, du Sünder, singst du etwa mit anderer Stimme? Teilst du deine Kinder ein?“ Und das Gefühl des Triumphierens war dahin, die Herrschsucht wich aus seinen Bewegungen, und zurück blieb nur die Angst vor dem gewissen Gedanken, dass genau in diesem Augenblick der Herr auf ihn herabgeblickt hatte.

Von jenem Tag an hatte sich in Vater Sergij eine Schwermut eingenistet, die nun in allem gegenwärtig war, was er tat. Seine Frau, Matuschka Anna, die sie sogleich bemerkt hatte, sah ihren Mann mit spöttischer Verwunderung an.

„Und ich dachte, das sei für dich eine alltägliche Sache“, sagte sie, als sie es nicht länger aushielt.

„Was ist für mich eine alltägliche Sache?“, fragte er gereizt zurück.

„Totenmessen lesen“, warf die Matuschka herausfordernd hin. „Um deine Mutter hast du nicht so geweint.“

Die letzten Worte sprach sie mit Vorwurf, und Vater Sergij begriff, dass er vor anderthalb Jahren, als seine alte Mutter entschlafen war, Matuschka Annas Unzufriedenheit richtig erraten hatte – sie hatte damals nichts gesagt und seither nichts gesagt, aber irgendwoher war in Vater Sergij das Gefühl geblieben, er habe um seine eigene Mutter nicht genug getrauert.

Er ließ die Matuschka im Kirchgarten beim Rosenschneiden zurück und ging schweigend in den alten Teil des Gartens, den Weg hinauf, durch den verwahrlosten Weinberg, der, obwohl sich niemand mehr um ihn kümmerte, dennoch Früchte trug. Die Trauben wuchsen hier sauer, schon halb verwildert, niemand aß sie, und die Matuschka hatte mehrmals angesetzt, die Reben zu roden und überall Blumen zu pflanzen, doch Vater Sergij ließ es nicht zu. Gerade in dieser Wildheit sah er die Ursprünglichkeit der Schöpfung.

Mit seiner Matuschka lebte Vater Sergij so lange, wie er schon diente. Geheiratet hatte er gleich nach dem Abschluss des Seminars. Eine Gattin suchte er zielstrebig – er wollte nicht sein Leben lang als schwarzer Mönch verbringen, und zum Glück begegnete er ihr drei Monate vor der Priesterweihe. Ein befreundeter Priester hatte die kirchliche Jugend – Seminaristen und Gemeindemitglieder der Sonntagsschule – zu einem Ausflug in die Dreifaltigkeits-Sergius-Lawra zusammengerufen. Vater Sergij sah die neunzehnjährige Anna frühmorgens neben dem Bus am Bahnhof von Belgorod. Sie stand da in einem schlichten grünen Mantel, in braunen Stiefelchen mit Absätzen, die sie einem schlanken Pferdchen ähneln ließen, und den Rücken hielt sie sehr gerade. Im Zug sangen die Mädchen Akathiste, ihre Stimme war die kräftigste und tiefste. Als Vater Sergij diese Stimme hörte, erschrak er und ließ den Gedanken an einen Antrag wieder fallen; den ganzen Weg bis zur Lawra, während der Führung und auf der Rückfahrt unterhielt er sich mit allen außer Anna, und nach der Ankunft entschloss er sich, ihr durch denselben Priester einen Antrag zu machen, überzeugt, dass sie ihn nicht annehmen würde – und sie nahm ihn an.

In den ersten Jahren der Ehe war Vater Sergij glücklich, in den übrigen – ruhig. Die Matuschka war seine wichtigste Gesprächspartnerin, obwohl er auch ihr gegenüber nicht bis ins Letzte offen war. Sie stritten selten, nicht heftig, und offenbar nur, um die Überzeugung der Matuschka zu bestätigen – Ehen ohne Streit gebe es nicht. Als Vater Sergij seine Gemeinde erhielt, wurde die Matuschka dort die führende Sängerin, und anfangs erschrak Vater Sergij bei jedem Gottesdienst aufs Neue vor ihrer kräftigen, hallenden Stimme. Er redete sich ein, dass in Matuschka Anna der wahre Glaube wohne, denn eine solche Gabe werde nicht auf leeren Grund gelegt, und in jeder Andeutung der Matuschka, in jedem Wechsel ihres Gesichtsausdrucks suchte er einen höheren Sinn, zu dem er selbst, dem die Talente versagt geblieben waren, erst noch heranwachsen musste. Doch mit den Jahren gestand sich Vater Sergij mit Schrecken ein, dass die Matuschka ein glühendes Streben zum Dienst nie gezeigt hatte. Es kam ihm sogar so vor, als habe sie, da sie in jenen für das Land unruhigen Jahren in die Ehe mit ihm einwilligte, weniger den Glauben als die Ruhe gesucht.

Gleich nach der Hochzeit bestand Matuschka Anna darauf, dass seine betagte Mutter, die ihr einziges Kind, Vater Sergij, überaus spät, mit zweiundvierzig, geboren hatte, zu ihnen zog. Und bis an deren Lebensende pflegte Matuschka Anna sie, stand ihr näher als der leibliche Sohn, band ihr die drei Kinder ans Herz, und diese gingen schwärzer als die Nacht umher, als die Großmutter im Alter von zweiundachtzig Jahren starb. Die eigenen Kinder blickten, der Mutter folgend, mit Missbilligung auf den unverzagten Vater Sergij.

Noch Jahre später begriff Vater Sergij, dass die Matuschka, obwohl es sie nicht zum Dienst drängte, ihm durch ihre stille Gegenwart an seiner Seite die Möglichkeit gab, selbst zu wachsen, für die Kirche zu brennen. Aus Dankbarkeit dafür wurde er noch ruhiger, und wenn es ihr doch einmal gelang, einen Streit heraufzubeschwören, zähmte er sich rasch und gab der Frau nach. Vater Sergij und Matuschka Anna hatten drei Kinder – zwei Mädchen und einen Jungen. Erzogen hatte sie diese gemeinsam mit seiner Mutter ebenfalls ruhig und für Vater Sergij unmerklich. Die Kinder wuchsen heran, ohne ihm seelische Erschütterungen zu bereiten. Die älteren Mädchen waren bereits verheiratet, und der Sohn studierte am Seminar in Woronesch.

Vater Sergij war am Ende des Weinbergs angelangt, hier endete auch der Garten. Entlang des Weges, der nun schief abwärts führte, standen zu beiden Seiten runde Betonpfosten, zum letzten Mal vor etwa zehn Jahren gestrichen. Der Wein klammerte sich an den Draht, der zwischen ihnen gespannt war. Das grobe, an den Rändern braun gewordene Laub zitterte und warf unruhige, dichte Schatten auf die hier auf der Anhöhe von Licht überflutete Erde. Von hier aus war seine bescheidene hellblaue Kirche zu sehen. „Um die Mutter hast du nicht so geweint“, wiederholte er im Stillen die Worte der Matuschka und blickte hinab auf das stärker werdende Spiel der Schatten.

Mit einem schweren Seufzer dachte Vater Sergij daran, dass dieser Oktober verdächtig warm war und dass man wohl zu Recht sagte, das Klima verändere sich. Zwischen den braunen, halbvertrockneten Blättern bemerkte er ganz junge, eben erst aus der Knospe gebrochene, milchig grüne. Solche Blätter hatten die Reben auch im vergangenen Jahr getrieben, und sie waren erfroren, sobald Anfang November die Kälte einbrach. Schon damals hatte Vater Sergij gerätselt, wozu die Rebe diesen Blättern ein so kurzes Leben schenkte. Matuschka Anna hatte unrecht – als seine Mutter starb, hatte er mehrere Wochen lang einen Schmerz im Herzen gespürt, doch der vermischte sich mit Rührung darüber, dass seiner Mutter eine späte Mutterschaft, ein langes Leben, die Liebe der Enkel und ein friedlicher Tod gegeben gewesen waren. Vater Sergij empfand dafür Dankbarkeit gegenüber dem Herrn, und diese Dankbarkeit und diese Rührung linderten seinen Schmerz.

Nach seiner Rückkehr vom Austausch erzählte er der Matuschka vieles – von den gleichen Familiennamen in den Listen von jener und von dieser Seite, die ihn so erschüttert hatten, von Michajlo und von seinem Feuerzeug, und davon, dass er die Ukrainer ungebeten ausgesegnet hatte, auf eigene Gefahr, und dass er sich zu dieser Aussegnung ganz unerwartet für sich selbst entschlossen hatte, eine halbe Minute zuvor noch selbst nicht wissend, dass er so handeln würde. Und davon, wie er zu dem Tisch zurückgegangen war, an dem die Militärs auf ihn warteten, bereit, jeden Ausgang anzunehmen, sogar den Tod. An dieser Stelle wurde die Matuschka rot, begann zu weinen, und mehrere Tage lang roch sie nach Baldriantropfen.

„Und wenn sie dich getötet hätten?“, wiederholte sie. „Und wenn sie dich getötet hätten?“

„Ich glaube eben an den Menschen“, antwortete Vater Sergij. „An das Bild und Gleichnis Gottes. Michajlo hat doch versprochen, mir ein Feuerzeugchen zu schenken“, fügte er fröhlich hinzu.

„Der wird dir ein Feuerzeugchen schenken!“, sagte die Matuschka düster.

Doch eines erzählte er ihr nicht – die Gründe seiner Schwermut. Er ließ sie glauben, ihn bekümmere der vorzeitige Tod junger Menschen und dass Slawen auf Slawen schlugen. Der wahre Grund seiner Schwermut aber war Unverständnis – er verstand nicht, wofür diejenigen gestorben waren, die im zweiten Kühlwagen lagen, und wollte mit ihr nicht darüber sprechen, ehe er nicht selbst alles durchdacht hatte. „Wofür sind sie gestorben?“, fragte sich Vater Sergij viele Male. „Wofür?“ Von den Seinen wusste er es – sie waren für die Wahrheit gestorben, für ihre und Vater Sergijs gemeinsame Wahrheit. Er verachtete das Gerede, es gebe viele Wahrheiten und jeder habe seine eigene. Nein, die wirkliche Wahrheit ist eine. „Eine“, wiederholte Vater Sergij. Was für eine Wahrheit konnte denn Michajlo haben? Die, die auf seinem Feuerzeug gemalt war? Aber wäre sie für ihn wirklich die Wahrheit gewesen, hätte er sie wohl kaum mit dem Finger verdeckt. Und wofür? Wofür waren jene gestorben – in den ukrainischen Säcken? Für jene Wahrheit, die man sich selbst schämt vorzuzeigen, ohne sie vor den Blicken zu verdecken? „Und das ist eure Wahrheit?“, fragte Vater Sergij, während er von oben auf seine Kirche blickte. „Für sie seid ihr bereit zu sterben?“ Vor Anna aber verbarg er noch ein weiteres Detail, das er beschämend fand – dass er die Russen und die Ukrainer mit verschiedenen Stimmen ausgesegnet hatte. Und jetzt, wenn er daran dachte, traten ihm Tränen in die Augen. Die Kuppel der Kirche flammte in diesem Augenblick in der untergehenden Sonne auf, als wäre sie gläsern geworden und in ihr eine große Lampada entzündet worden.

Vater Sergij wartete ungeduldig auf den zweiten Austausch. Er hatte für Michajlo ein Säckchen mit Weihrauch als Geschenk vorbereitet und kostete den künftigen Dialog im Voraus aus. „Wozu brauche ich Weihrauch, Kaplan?“, würde Michajlo fragen. „Der Teufel fürchtet den Weihrauch“, würde Vater Sergij antworten und zwinkern. „Bin ich etwa der Teufel?!“ „Du wirst damit die Dämonen von dir vertreiben“, antwortete Vater Sergij im Stillen scherzhaft. Er scherzte gern und witzelte gutmütig, ohne jemanden zu kränken. Dafür lud ihn Jegor Andrejewitsch oft in seine Runde zum Mittagessen ein, in den Pavillon am See, wo er Gäste empfing. In den See hatte er Karpfen- und Hechtbrut eingesetzt und daneben eine Küche eingerichtet, die nur in Betrieb war, wenn Gäste kamen. Für sie wurde eine Fischtafel gedeckt – man trug Karpfensuppe auf, Fisch in allerlei Art, aber nur hiesigen, gefüllte Hechte, und dazu Wareniki mit Kartoffeln, Wareniki mit Beeren in Töpfchen. Auf diesen Pavillon war Jegor Andrejewitsch sehr stolz, doch er selbst war einsilbig und genierte sich, vor Gästen viel zu reden; Vater Sergij half ihm aus, und als aus Woronesch der neue Chefarzt des Kreiskrankenhauses, Kostin, zum ständigen Wohnsitz in die Siedlung kam, begann er auch diesen einzuladen. Kostin konnte man schwerlich einen Spaßvogel nennen, doch er war bissig und geradeheraus. Vielen Gästen gefiel das, allerdings nur in Verbindung mit der Gutmütigkeit des Batjuschka. Jegor Andrejewitsch begriff das und brachte die beiden mit Geschäftssinn an einem Tisch zusammen, während er selbst nur zur rechten Zeit beipflichtete. Vater Sergij war Kostin zugetan; es gab ohnehin keinen Menschen, den er offen nicht gemocht hätte.

Vater Sergij empfand diese häufigen Zusammenkünfte im Pavillon am See nicht als Last. Im Gegenteil, sie brachten Abwechslung in sein Leben – in das Leben eines Dorfpriesters – und erweiterten seinen Horizont. Die Gäste waren verschieden – mal kamen sie aus Belgorod vom Gouverneur, mal aus Moskau. Der Batjuschka redete viel, hörte aber auch selbst gern zu. Und bevor er ein Gläschen kippte, erhob er sich von der Bank, überblickte den See, die Hand auf die Brust gelegt, dann sah er die Gäste mit gutmütigem Spott an. Bei sonnigem Wetter funkelten die Steine seines Kreuzes und überstrahlten alles Grün ringsum. Er murmelte ein Gebet und trank in einem Zug aus. Die Gäste fuhren stets mit einem guten Gefühl davon, mit gerührten Gesichtern, und schickten Vater Sergij später Glückwünsche zu den Feiertagen, mit dem Versprechen, wiederzukommen – dorthin, wo sich die alte Rus erhalten hatte und der Batjuschka mit dem Gemeindevorsteher befreundet war und dieser wiederum mit dem Landarzt, und das war beinahe eine Idylle, die man für verloren gehalten hatte. Und wenn dazu noch die Natur kommt – der See, die Birken –, und Fischsuppe und Hecht, und ein kluges Gespräch – ja, wo gibt es das denn noch?! – in der Einöde, an der Grenze, dann stellt sich auch der Glaube ein, dass die alte Rus noch bestehen wird.

Einige Tage nach dem Austausch kam zu Jegor Andrejewitsch gerade ein Gast aus der Hauptstadt, aus einer wichtigen Behörde, die die Ausgaben für die Vorbereitung der Grenze auf Notfälle berechnete. Jegor Andrejewitsch lud Vater Sergij zum Mittagessen ein, doch der lehnte ab. Jegor Andrejewitsch schwieg verwundert in den Hörer, und Vater Sergij legte auf, da er die Sache für entschieden hielt – er würde nicht kommen. Doch etwa zwanzig Minuten später platzte Jegor Andrejewitsch in sein Haus, wo er den Batjuschka in einer kleinen Eckkammer antraf – dorthin hatte er sich zurückgezogen, um eine Predigt zu schreiben. Er hatte sie lange nicht mehr aufgeschrieben, wohl an die dreißig Jahre, sondern aus dem Herzen gesprochen und dabei die Ratschläge zusammengefasst, die er in den Beichten gegeben hatte. In den ersten fünf Jahren seines Dienstes dagegen hatte er sich Notizen gemacht, sie aufgeschrieben. Und nun hatte er aus irgendeinem Grund wieder das alte schwarze Büchlein hervorgeholt und einige Gedanken hineingeschrieben. An diesem Sonntag wollte er eine neue Predigt halten, nicht wie gewöhnlich, und die Aufzeichnungen brauchte er, um sich selbst zu verstehen, denn auch sich selbst verstand Vater Sergij jetzt nicht mehr. Und gerade am Vortag war ihm noch etwas widerfahren. Eine ältere Lehrerin hatte gebeichtet, sie war älter als Vater Sergij selbst, und all ihre Sünden kannte er auswendig – sie hatte den einen Schüler gescholten, war zu nachsichtig mit dem anderen gewesen, und so immer im Kreis. Doch diesmal schwieg sie lange, und Vater Sergij wartete geduldig, ohne Interesse, als die alte Lehrerin plötzlich deutlich sagte: „Batjuschka, tagelang wünsche ich mir, dass Kiew bombardiert wird. Bin ich sündig?“ Vater Sergij richtete sich vor Überraschung sogar auf. Er stand lange so da und überlegte, was er sagen sollte, dann beugte er sich zu ihr hinab und antwortete ihr ruhig direkt ins Ohr: „Wenn Sie es aus Rache wünschen, ist es Sünde. Wenn aber darum, dass alles schneller zu Ende geht, dann ist es keine Sünde.“ „Ich – nicht aus Rache“, antwortete die Lehrerin mit dünner Stimme, wie ein kleines Mädchen.

An jenem Abend ging Vater Sergij in den alten Teil des Gartens und betrachtete von dort, zwischen den Reben stehend, seine Kirche, die im Licht zweier gelber Laternen grünlich schimmerte, und als er nach Hause zurückkehrte, beschloss er, zum ersten Mal seit langer Zeit eine Predigt aufzuschreiben. Und nun, beim Anblick des hochroten, gekränkten Jegor Andrejewitsch, dachte er, dass er ihm seine Abneigung, in die Laube zu gehen, nicht würde erklären können.

„Die Hee-echte“, sagte Jegor Andrejewitsch und spitzte dabei komisch seine schönen himbeerroten Lippen, „schmoren schon.“

Vater Sergij seufzte ergeben und blickte auf Jegor Andrejewitschs spitze Lackschuhe.

„Wie kannst du denn nicht, mein lieber Vater?“, fragte der kläglich.

„Der Batjuschka ist ganz aus dem Lot“, ertönte die hallende Stimme Matuschka Annas, die auf der Schwelle erschienen war.

Sie stand im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt, groß, mit deutlichen silbernen Strähnen im dichten hellen Haar und noch immer schlank, obwohl ihre Figur mit dem Alter zu verfließen begonnen hatte.

„Ihm ist gerade erst aufgegangen, dass Russen Russen umbringen“, fuhr sie fort.

„Und das ist übrigens wahr“, antwortete Jegor Andrejewitsch schnell und wie nebenbei, zog sich die neue, knisternde Baseballkappe vom Kopf und sah Vater Sergij flehend an.

„Anna, du verstehst nicht einmal, wovon du sprichst“, sagte Vater Sergij mit ruhiger Würde, doch seine Stimme zitterte trotzdem schmerzlich.

„Erklär es mir – dann versteh ich es“, antwortete die Matuschka.

„Wenn ich es selbst verstünde …“, stöhnte Vater Sergij beinahe.

„Und wenn du es nicht verstehst, dann brauchst du auch nicht darüber nachzudenken“, warf Matuschka Anna hin und ging hinaus.

„Die Hee-echte“, zog Jegor Andrejewitsch flehend das Wort in die Länge und spitzte wieder die Lippen.

Vater Sergij seufzte noch einmal märtyrerhaft und griff nach seiner Weste.

Der Gast saß bereits am Tisch, in eine karierte Decke gehüllt, an dem Platz, an dem sonst Vater Sergij saß – mit dem Gesicht zum See. Er war etwa fünfzig Jahre alt, klein von Wuchs und wohl sogar zerbrechlich, sein kahler, eiförmiger Kopf glänzte in der Sonne. Als er Vater Sergij sah, erhob er sich halb, begrüßte ihn mit Handschlag und begann, ohne sich zu setzen, die Töpfchen zu lüften und genüsslich daran zu schnuppern. Der Dampf der Wareniki beschlug die Gläser seiner dünnen silbernen Brille, hinter denen graue, kalte und durchdringende Augen auf Vater Sergij blickten.

„Hecht“, lachte der Gast mit einem unangenehmen Lachen, hob den Deckel der Fischplatte und setzte sich.

Vater Sergij nahm gegenüber Platz, unterdrückte einen leisen Seufzer und erinnerte sich plötzlich, dass er vor dem Erscheinen Jegor Andrejewitschs irgendeinen wichtigen, großen Gedanken gehabt und ihn in sein Büchlein hatte notieren wollen, aber nicht mehr dazu gekommen war – und was für ein Gedanke das gewesen war, wusste er jetzt nicht mehr. Darüber runzelte Vater Sergij die Stirn, was sich sogleich im Gesicht des Gastes widerspiegelte; dieser kniff misstrauisch die Augen zusammen, und Vater Sergij zwang sich mühsam zu einem Lächeln. Unterdessen traf Kostin ein, Jegor Andrejewitsch schenkte rasch die Gläser voll, und Kostin, noch ehe er sich gesetzt hatte, begann, während er sich von diesem und jenem auf den Teller häufte, zu erzählen, dass das Krankenhaus ein neues Ultraschallgerät bekommen habe, das nach den Ereignissen vom Mai „besonders aktuell“ sei. Der Gast erkundigte sich, was im Mai geschehen sei. Kostin setzte sich endlich, zerteilte mit der Gabel einen Warenik mit Kirschfüllung, hob die dunklen Augen zu dem Gast und schwieg eine Weile, als prüfe er, was für ein Zuhörer in ihm steckte.

„Na, erzähl schon“, stieß ihn Jegor Andrejewitsch mit dem Ellbogen an.

Kostin, der nun niemanden mehr ansah, begann eine Geschichte zu erzählen, die sowohl Vater Sergij als auch Jegor Andrejewitsch in allen Einzelheiten kannten, der sie aber auch jetzt mit Erregung zuhörten. Es war Ende Mai gewesen.

„Bis dahin hatte man keine Verwundeten ins Krankenhaus gebracht“, sagte Kostin. „Aber ich wusste, dass es früher oder später passieren würde – wir sind die Ersten von der Grenze aus.“

Und so stand Kostin eines Tages am Fenster und sah, wie der Geländewagen Jegor Andrejewitschs in den Hof des Krankenhauses einbog. Er wunderte sich, dass der Verwaltungschef ihn nicht telefonisch über sein Kommen vorgewarnt hatte, und lief hinunter. Im Hof sah er, wie sich die hintere Tür des Wagens öffnete und ein blutüberströmter Soldat herausfiel. Kostin rief nach den Krankenschwestern und begriff erst danach, dass die Soldaten mit demselben Wagentyp gekommen waren, wie ihn der Verwaltungschef fuhr.

Während er sprach, schnitt Kostin weiter an den Wareniki, der Kirschsaft bespritzte den Teller und die daneben liegende Serviette. Der Gast folgte wie hypnotisiert den Bewegungen der Gabel.

„Die andere Tür ging auf“, sagte Kostin, „ein zweiter Soldat sprang heraus, mehr oder weniger unversehrt. Er schreit: ‚Helft uns, schnell!‘ Ich schaue in den Wagen, und da …“ Kostin griff nach dem Schmand und klatschte sich einen großen Löffel davon auf den Teller. „Wir hatten uns natürlich auf so etwas vorbereitet, aber nicht auf so etwas. Wir hatten keine Chirurgie, einen einzigen Chirurgen für das ganze Krankenhaus. Die Mädchen kommen herausgelaufen – Schwestern, Pflegehelferinnen mit Tragen. Wir legen die Verwundeten selbst drauf, schleppen sie. Zwei Schwerverletzte, einer war im Wagen gestorben. Den tragen sie auch hinein.“ Kostin winkte ab. „Da kam der Chirurg herunter, und wir fingen an, die Lebenden zu reanimieren. Den Rettungswagen riefen wir. Die Helferinnen weinen laut, und dem, der heil war, stecken sie belegte Brote zu – dabei kann ich nicht behaupten, dass unsere Frauen sonst besonders freigebig wären. Und eine Helferin brachte eine Schüssel und begann, dem Toten die Füße zu waschen.“

„Ja, ja, ja“, pflichtete Jegor Andrejewitsch vornübergebeugt bei, der Gast aber richtete sich sogar ein wenig auf seinem Platz auf und starrte mit kalter Neugier auf Kostins Mund, als fürchte er, auch nur ein Wort zu verpassen. Vater Sergij wurde es aus irgendeinem Grund unbehaglich zumute.

„Der Rettungswagen kommt.“ Kostin ließ endlich die Gabel los. „Sie fangen an, sie für den Transport ins Lazarett fertig zu machen, bei einem ist es beinahe schon der klinische Tod, Blutverlust, gebrochene Knochen, er geht uns schon weg, da hielten die Mädchen es nicht mehr aus, wie die alle losheulten – ein Albtraum, schlimmere Laute habe ich nie gehört. Aber man kann sie verstehen, die ersten Verwundeten in unserem Krankenhaus.“ Kostin hob den Blick zu dem Gast, als wollte er abschätzen, ob der die Mädchen verstand oder nicht. Der aber hörte Kostin mit aufgerissenen Augen und wie erstarrt zu. „Und da kommt Jegor Andrejewitsch herein und fragt ganz ruhig: ‚Habt ihr überhaupt gesehen, dass der Wagen ukrainische Nummernschilder hat?‘ Stille. Eine solche Stille habe ich vorher nie gehört und will sie auch nie wieder hören. Alle sehen einander an. Ich schaue mir die Soldaten genauer an, und auch ihre Uniform ist ukrainisch, mit dieser ihrer gelb-blauen Flagge.“ Kostin fasste sich an die Schulter. „Wie konnten wir das übersehen?“

„Und dann?“, flüsterte der Gast beinahe.

„Nichts“, antwortete Kostin, nahm wieder die Gabel und schob sich ein Stück Warenik in den Mund. „Drei Sekunden vergingen, und alle machten weiter mit dem, was sie zu tun hatten.“

„Und die Helferin?“, fragte der Gast.

„Auch die Helferin“, antwortete Kostin. „Jegor Andrejewitsch rief sofort die Militärstaatsanwaltschaft, der Rettungswagen brachte sie weg, sie lebten noch, ihr weiteres Schicksal kenne ich nicht.“

Kostin verstummte. Jegor Andrejewitsch legte dem Gast ein paar Wareniki auf den Teller. Der Gast wandte den Blick Vater Sergij zu, als erwarte er von ihm ein Fazit.

„So zeigt sich jene Schönheit, um derentwillen der Herr den Menschen erschaffen hat“, sagte Vater Sergij.

„Und der Umgang – wie ist man mit ihnen umgegangen?“, hakte der Gast sachlich nach. „Wie mit den Eigenen?“

„Christus hat mir geboten, alle zu lieben, auch die Feinde“, sagte Vater Sergij demütig und unterdrückte einen Seufzer.

„Ah, also doch Feinde!“, lachte der Gast. „Sie unterscheiden also doch, wie, heiliger Vater? Glauben Sie mir, ich frage aus reiner Neugier. Ihre Herde ist doch eine einzige. Wie bringen Sie das alles in Ihrem Kopf unter?“

„Ich bin kein heiliger Vater, und Neugier ist kein Laster, und die Herde ist eine einzige“, antwortete Vater Sergij und schwieg lange. „Aber die Unseren – das sind nicht sie“, fügte er schwer hinzu.

„Sie unterscheiden also!“ Der Gast rieb sich triumphierend die Hände, und seine Augen blitzten, als sei es ihm endlich gelungen, ein schwieriges Rätsel zu lösen.

„Ich unterscheide“, sagte Vater Sergij mit gebieterischer Stimme. „Aber ich hasse nicht.“

Er erhob sich vom Tisch. Sein Gesicht war finster geworden. Er bekreuzigte den Hecht, die Tontöpfchen, die Karaffe mit dem dunklen Beerenlikör. Kaum hatte er das Tischgebet beendet, stürzte sich der Gast auf den Hecht.

Die Hälfte des Sonntagsgottesdienstes über befand sich Vater Sergij in festlicher, gehobener Stimmung. Unerwartet hatten sich mehr Leute als gewöhnlich versammelt, und Vater Sergij kannte sie alle. Kostin und Jegor Andrejewitsch waren gekommen. Kostin zum ersten Mal, Jegor Andrejewitsch hingegen versäumte keinen Sonntagsgottesdienst und stand stets mit gesenktem Kopf bis zum Ende aus, im Glauben, mit seiner ganzen Erscheinung den Bewohnern der Siedlung ein Beispiel zu geben. Der Gottesdienst ging leicht vonstatten, die Stimme der mitsingenden Matuschka stieg ebenso leicht zur hohen Decke empor. Doch plötzlich rief eines der Kinder, die nahe am Altar standen, nach seiner Mutter. „Mama“, sagte die Kinderstimme fordernd und zugleich kläglich, und Vater Sergij kam es vor, als sei ihm dieses Wort direkt ins Ohr gesprochen worden, und auf einmal war alle Leichtigkeit aus seiner Seele gewichen. Er bemerkte Wanetschka, den siebenjährigen Sohn von Natalja, der Verkäuferin. Der drehte den Kopf hin und her auf der Suche nach seiner Mutter. Natalja nahm ihn von hinten bei der Hand und zischte ihn an, und Vater Sergij stellte sich aus irgendeinem Grund Wanetschka in einem schwarzen Sack vor, und in seinem Kopf formte sich deutlich der Gedanke: „Den Tod gibt es.“ Vater Sergij stockte und sah den alten Landwirt Jefimitsch an, der neben Natalja stand und sich wie üblich für den Gottesdienst in ein weißes Hemd und eine abgewetzte Lederjacke mit eckigen Schultern gekleidet hatte. Mit kindlicher Ehrfurcht im Gesicht blickte Jefimitsch um sich, als suchte auch er jemanden. Vater Sergij ließ den Blick zu Serjoschka wandern – dem Hilfsarbeiter, dem Trinker. Der hatte gerade erst eine Kerze angezündet, wollte sie aufstellen und hielt sie in seinen geschwollenen Fingern, das Flämmchen vor fremdem Atem schützend, so behutsam, als hielte er ein Küken. Vater Sergij begann es in der Nase zu kribbeln, Tränen traten ihm in die Augen. Seine Stimme versagte endgültig, er verstummte und sah mit tränenerfüllten Augen auf seine Herde, zum ersten Mal in seinem Leben bedauernd, dass sie sterblich war. Auch die Matuschka verstummte, und in der Art, wie sie den Gesang abbrach, war Schrecken zu hören. Rascheln wurde vernehmbar, Flüstern, Zischen. Vater Sergij versuchte mehrmals anzusetzen, doch die Tränen schnürten ihm die Kehle zu. Die Leute sahen einander an: „Was ist geschehen? Was?“ Vater Sergij bewegte die Lippen und brachte kein Wort hervor, sah nur durch die Tränen auf die Versammelten, und diese rückten ihm, wie ein Vergrößerungsglas, jeden Einzelnen näher, vergrößerten, hoben Züge hervor, die Vater Sergij früher nicht bemerkt hatte, und an jedem fand er etwas, das Mitleid verdiente – an Wanetschka, an Natalja, an Jefimitsch und an den anderen. Schließlich nahm er sich zusammen, begann wieder zu singen und erschrak selbst über den üblen Klang seiner schwachen, scheppernden Stimme. „Warum bist du Narr mit so einer Stimme überhaupt in den Priesterdienst gegangen?“, rief er bei sich aus. „Was bist du für ein Priester, wenn du an den Tod glaubst?“ Doch da begann die Matuschka mit hoher, reiner Stimme zu singen, sie hatte es eilig und schlug im Gebet jedes kirchenslawische „Jat“ an wie eine Glocke: „Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Unsterblicher“. Und ihre Stimme klang beunruhigt, als riefe sie alle zusammen, um ein lang versprochenes Wunder oder Unglück zu schauen. Vater Sergij folgte der Matuschka nach, seine Stimme löste sich in der ihren auf, und er brachte den Gottesdienst zu Ende.

Die Predigt hielt er aus dem Büchlein, hin und wieder einen Blick hineinwerfend. Die Herde drängte sich dicht um ihn, wollte ihn stützen, wunderte sich über seine Tränen von eben, sorgte sich und hörte deshalb aufmerksam zu, in feierlicher Stille. Die allerdings von schweren Geschützlauten in der Ferne, von der Front her, gestört wurde.

„Heute beten wir um Frieden und um den Sieg“, begann Vater Sergij. „Und ich fürchte mich davor, dass der Frieden kommt!“, rief er aus.

Verwunderte Ausrufe wurden laut, Rascheln. Vater Sergij wartete, bis alles verstummt war, und wiederholte mit verdoppelter Kraft:

„Ich aber fürchte, dass der Frieden kommt! Er wird kommen, die Geschütze werden schweigen, aber in den Herzen wird trotzdem der Hass bleiben. Ich will, dass die Geschütze schweigen!“, rief er aus und bemerkte dabei, wie sich Jegor Andrejewitsch mit erhobener Hand zu ihm durchdrängte. „Ich will Frieden“, fuhr Vater Sergij fort, „aber nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in den Herzen. Unsere Feinde werden siegen, wenn es ihnen gelingt, Hass in unser Volk zu tragen. Darum fürchte ich, dass der Frieden kommt, der Hass aber nicht weicht – und dann wird dieser Frieden nicht unser Sieg sein. Frieden, das sind für mich Herzen, die von der Liebe erweicht sind!“

Die Menschen nickten, weinten, Vater Sergij wollte noch etwas sagen, doch Jegor Andrejewitsch drängte sich nach vorn und schrie:

„Evakuierung! Sie greifen an!“

Spät am Abend stand Vater Sergij am Rand des Weinbergs und beobachtete zum ersten Mal eine ungewöhnliche Erscheinung: Ein zitronengelber Streifen Himmel zog sich über die Erde hin, und darüber hing eine schwere, dunkle Masse, durchbrochen von Bändern kleiner Wolken. Und diese ganze Schwere verwandelte sich vor seinen Augen von Grau in Schwarz, bewegte sich hierher, kam näher, hatte die hellblaue Kirche schon überdeckt und das Kreuz auf ihrer Kuppel verschluckt. Die Weinblätter wurden schwarz, und nur wenn der Wind sie bewegte und umdrehte, fiel der zitronengelbe Widerschein auf sie, und auf manchen – den jungen – flammte frisches Grün auf. Irgendwo dort, hinter der Masse, bildete sich ein roter Strahl der Abendsonne, färbte die Wolkenbänder, und über die Masse flossen rote Flüsse. Vater Sergij blickte mit Furcht zum Himmel, doch sehr bald verschwand alles, und die Dunkelheit senkte sich herab – dicht, denn in keinem einzigen Fenster der Siedlung, die unten lag, ging Licht an. Auch die Laternen bei der Kirche leuchteten nicht auf; vor ihrer Abfahrt hatte Matuschka sie abgeschaltet.

Vater Sergij kam es vor, als wäre seit dem gestrigen Gottesdienst nicht ein Tag vergangen, sondern ein ganzes Jahr oder zwei. Er suchte in der Tasche nach dem Telefon, um sich zu leuchten, erinnerte sich aber, dass er es am Morgen herausgelegt hatte, als ihm klar geworden war, dass man in der Siedlung die Verbindung abgeschaltet hatte. Er ging auf dem vielfach begangenen Pfad und kam doch immer wieder davon ab, trat in den Weinberg, blieb mit der Kleidung an den Reben hängen. Gestern waren er und Jegor Andrejewitsch zu zweit in völligem Durcheinander von Haus zu Haus gefahren, hatten die Leute für die Evakuierung zusammengeholt, auf sie eingeredet, sie beschimpft. Jegor Andrejewitsch war unerbittlich gewesen und hatte sie in die Busse verfrachtet, samt Taschen, Kinderwagen und Katzen. Vater Sergij hatte die abfahrenden Busse und Autos bekreuzigt und war dann reglos auf der Straße stehen geblieben. Mit Unruhe dachte er an Matuschka, sah schon ihre Tränen beim Abschied von dem Haus voraus, aus dem sie nie fortgegangen war. „Das ist vorübergehend, Anna“, sagte er bei sich. „Vorübergehend. Alles in diesem Leben ist vorübergehend.“

Als der letzte Bus abgefahren war, schlugen, wie es der Zufall wollte, einige Granaten im See ein. Jegor Andrejewitsch bekam einen Anruf und raste davon, nachdem er versprochen hatte, in zwanzig Minuten ihn und Matuschka abzuholen und nach Stary Oskol zu bringen, wo Vater Sergij das Haus seiner verstorbenen Tante leer stand. Vater Sergij ging schweren Herzens, ohne Eile, nach Hause, überzeugt, dass Matuschka bereits alles für die Abreise vorbereitet hatte und bis zur Ankunft Jegor Andrejewitschs noch Zeit blieb.

Er traf Matuschka im Hof an – in Mantel und Kopftuch. Sie stand unbeweglich an einer Stelle und schaute mit erhobenem Kopf zur Kirche hinauf.

„Anja, bist du fertig?“, fragte Vater Sergij, obwohl er die Antwort selbst kannte.

Sie wandte sich ihm zu. Erst jetzt fiel Vater Sergij auf, dass Matuschkas Haar an den Schläfen weiß war und sich um die Augen feine Falten zogen. Matuschka trat nun von einem Fuß auf den anderen, und Vater Sergij erinnerte sich daran, wie sie gewesen war, als er sie zum ersten Mal auf dem Bahnhof gesehen hatte.

„Fertig“, sagte Matuschka mit einem Seufzer.

„Gut so“, antwortete er. „Dann fahr.“

„Und du?“, fragte Matuschka erschrocken.

„Ich bleibe“, Vater Sergij wandte den Blick ab und wiederholte, als wollte er diese für ihn selbst unerwartete Entscheidung noch einmal hören. „Ich bleibe hier.“

„Wie – du bleibst?“ Matuschka Anna trat zu ihm und sah ihm direkt in die Augen. „Wie, du bleibst, Vater?“, rief sie aus.

In diesem Augenblick fuhr das Auto vor, und Vater Sergij sah Jegor Andrejewitsch aussteigen. Matuschka Anna nahm das Kopftuch ab, ihr Haar fiel unordentlich herab, sie knöpfte den Mantel auf und sagte atemlos:

„Wenn du bleibst, dann bleibe ich auch!“

„Anja!“, rief Vater Sergij sie an. „Ein Priester wird zweimal getraut – das zweite Mal mit der Kirche!“

Er sprach diese Worte mit solcher Herrschsucht und solchem Hochmut, dass Matuschka Anna erstarrte, ihn gekränkt ansah und rasch begann, den Mantel zuzuknöpfen und das Kopftuch zurechtzurücken.

„Na, wenn du dich entschieden hast, dann hast du dich eben entschieden“, sagte sie atemlos, mit einer Stimme, die vor Kränkung brach. „Entschieden, also bleibst du. Und ich fahre, dann leb wohl.“

Vater Sergij stand wie angewurzelt, wie betäubt von ihren Worten und von seinem eigenen Entschluss. Matuschka Anna ging ins Haus und kam mit den Taschen wieder heraus, das Gesicht hochmütig. Vom Haus ging sie in die Kirche und blieb dort keine Minute, danach setzte sie sich ins Auto, und als Vater Sergij zum Abschied herantrat, sagte sie unter Tränen:

„‚Bild und Gleichnis‘, ja? Dein Michajlo wird kommen und dich mit dem Feuerzeug anzünden.“

Als das Auto losfuhr, schlug Vater Sergij ein weites Kreuz hinter ihm.

Das Flämmchen zuckte, als die Tür sich einen Spalt öffnete; vor dem Altar brannte eine einzige Öllampe, der rote Fleck um sie herum ruckte, breitete sich aus und erhellte die Hälfte des Antlitzes Christi auf der Ikone daneben. Vater Sergij schloss die Tür hinter sich. Er setzte sich auf die Bank, lehnte sich an die Wand – von einer solchen Stille hatte er lange geträumt. Lange hatte er allein bleiben und seine großen Gedanken zu Ende denken wollen. Er war immer im Blickfeld gewesen, unter Menschen, und wenn er doch einmal allein blieb, ließen ihn die Fragen des Haushalts, der Menschen nicht los. Besonders in den letzten Jahren hatte er sich still darüber geärgert, dass ihm die Zeit für die großen Gedanken fehlte, die einen Priester zu wichtigen Einsichten führen. Und nun war er allein geblieben, hatte seit gestern keinen einzigen Menschen gesehen, keine menschliche Stimme gehört. Doch die großen Gedanken stellten sich nicht ein, und jetzt saß er einfach im Dunkeln, in der Stille, und wartete ruhig auf den Feind. Er hörte das näher kommende Gefecht – von unserer Seite wurde seltener geantwortet. Am Morgen hatten die Schüsse fern geklungen, jetzt aber schien schon nahe dem Ortskern geschossen zu werden. Hin und wieder bellten Hunde, doch auch die waren gegen Abend verstummt. Vater Sergij begriff plötzlich, dass er nicht von einer solchen Einsamkeit geträumt hatte; er hatte sie inmitten von Menschen ersehnt, die, bei ihm bleibend, ihn einfach in Ruhe gelassen hätten.

Auf der schwarzen Fensterscheibe flammte ein roter Punkt auf, zerfloss darauf, als hätte jemand von der anderen Seite Farbe hingeschüttet. Auch die Öllampe flackerte heller auf. Vater Sergij wandte sich dem Fenster zu und blickte mit demütig gemachtem Gesicht bald hinaus, wo in der Nacht rote Rosen aufblühten, bald auf die Lampe; der Fleck über ihr zitterte, als stünde er im Einklang mit dem Geschützfeuer. Er griff in die Tasche seiner Weste, zog ein Säckchen mit Weihrauch heraus und legte es neben sich.

Er dachte wieder an die Matuschka und begriff plötzlich, dass auch er selbst nicht mehr an Bild und Gleichnis Gottes in jedem Menschen glaubte, und war sich sicher, dass es töricht war, unter solchen Umständen darauf zu bauen. Und es waren nicht die Worte der Matuschka, die diese Zweifel in seiner Seele geweckt hatten – er selbst trug sie seit dem Tag des Austauschs in sich, seit er seine Herde geteilt hatte. „Ein Leben lang hast du andere überzeugt, und du selbst?“, lächelte er bitter. Er schloss die Augen und saß so da, ohne sich zu rühren, die großen Hände auf den Knien.

Endlich regte er sich, tastete nach dem Säckchen mit Weihrauch. All diese Tage hatte Vater Sergij in sich nach Liebe zu Michajlo gesucht und keine gefunden; dieser Mensch war ihm zuwider. „Ein schlechter Mensch“, sagte er bei sich. Und da ließ er einen anderen Gedanken zu – wenn der Funke fehlt, dann gibt es auch den Tod. „Wie?“, fragte er sich in der Dunkelheit. „Wie?“ Er sprang auf, stürzte zur Lampe hin, verhedderte sich, fiel und kroch auf den Knien weiter. Er sah die Ikonen nicht, er wusste nur, wo welche in seiner Kirche hing. Vor Christus angelangt, stimmte er das „Vater unser“ an. Seine Stimme klang deutlicher als sonst, als fürchtete sie sich, in einer solchen Stille von ihrem Herrn loszureißen, und schepperte mit näselnden Tönen. Vater Sergij ging zum Flüstern über und betete hastig, das Lampenlicht flackerte oft. Vater Sergij starrte in die Dunkelheit und versuchte, darin das Antlitz zu erkennen, doch vergebens. Als er verstummt war, ließ er den Kopf auf die Brust sinken und saß lange so, bis zu den Schultern in Dunkelheit versunken; die Lampe beleuchtete nur seine Skufia, und zuweilen liefen rote Funken über sein Kreuz. Es schien, als sei Vater Sergij eingeschlafen, doch plötzlich hob er den Kopf und begann laut zu beten: „Führe, Herr, den Feind zu mir. Gib, Herr, dass ich es beweise.“

Vor dem Fenster schlug wieder irgendeine Kanonade los, und wieder entfaltete sich das Feuer auf der Scheibe. Das Öllämpchen flackerte auf, nahe Salven ertönten. Stimmen wurden laut, doch alles verstummte schnell. Vater Sergij schwieg eine Sekunde lang, lauschte und sprach dann mit verdoppelter Kraft weiter: „Im Geiste bin ich schwach. Lass es mich körperlich beweisen. Mit dem Leib leiden für den heiligen Glauben.“ Er nahm die Skufia ab und wischte sich mit zitternden Händen damit die Stirn. Als die Stimmen sich wiederholten, überkam Vater Sergij das unerträgliche Verlangen, noch einmal das Antlitz zu sehen, und er griff in die Tasche nach dem Feuerzeug. Im Dunkeln erschien ihm Michajlos schwarzes Feuerzeug, dessen hohe blaue Flamme, Michajlos Hand. Ein Auto raste vorbei. Vater Sergij wandte sich jäh zum Fenster um und sah nicht, wie der Scheinwerferstrahl das Antlitz aus der Dunkelheit riss. Doch als er sich zurückwandte, bemerkte er unter dem Altar eine Rose. „Deshalb also war Anna in die Kirche gekommen“, sagte er bei sich. Aus seinen Augen flossen warme Tränen. Er blickte auf die Ikone, sah aber in der Dunkelheit die Rose, als hätte sie sich in seinen Tränen abgedrückt – rosafarben, mit gelben Äderchen. Und von der Rose aus streckten sich zarte Weinranken, klammerten sich an eine kräftige, wie mit Muskeln umkleidete Rebe. Aus der Rebe traten Weinblätter hervor, sie entfalteten sich sanft in der Dunkelheit und schmiegten sich mit all ihrem gezackten Werk bequem in sie hinein. Frische junge Blätter raschelten zum Fenster hin, grün wie das Grün selbst, wie das Leben selbst. Sie entfalteten sich und glänzten, als wäre durch jedes ein weiches goldenes Licht geleitet, und schienen wie geschnitzte Fenster in eine andere Welt. Die Reben durchdrangen die Wand, und Vater Sergij sah plötzlich, dass ringsum alles ein Paradiesgarten war. Er begann ein Gebet zu singen, die Blätter zitterten. Dicht an der Kirche fuhren Autos vor, hinter der Tür wurde laut gesprochen. Er hörte, wie die Tür aufging und jemand lachend sagte: „Da ist der Ork-Schamane.“ „Leg ihn um“, ertönte eine andere Stimme. Doch Vater Sergij hörte sie nicht, er staunte über die ungewöhnliche Schönheit und Höhe seiner Stimme, bis er begriff, dass mit ihm die Engel sangen.

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Quelle: [ahmedova.com](https://ahmedova.com/zhrecz-orkov/)

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