                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                {"version":"https://jsonfeed.org/version/1.1","title":"::chartophylax::","home_page_url":"https://chartophylax.de/","feed_url":"https://chartophylax.de/.json/autor:Jaroslaw%20Schipow","description":"Texte bei Chartophylax","author":{"name":"Jaroslaw Schipow"},"items":[{"title":"Das Bächlein","date_published":"2019-09-20T08:29:00+02:00","id":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/das-b%C3%A4chlein","url":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/das-b%C3%A4chlein","content_html":"\u003Cp\u003EIn fr&uuml;herer Jugend war Vater Timofej als Drucker t&auml;tig: Gedruckt hat er die gro&szlig;en Tageszeitungen des Landes. Eines Tages wurde oben, unter der Decke der Rotationsdruckhalle, ein neues Transparent angebracht: &bdquo;Wir erh&ouml;hen unsere Produktion um 3 Prozent!&ldquo;. Und zwar zu Ehren des Jahrestages der Sozialistischen Revolution. Timofej erkundigte sich beim Werksleiter, wie man denn die Produktion um drei Prozent erh&ouml;hen k&ouml;nne, wo doch die Auflage der Zeitung streng limitiert sei und eine jegliche Papierverschwendung zu Disziplinarstrafen und Lohnabzug f&uuml;hrte. Der Werksleiter winkte nur ab: Lass mich damit in Ruhe, meinte er.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EEine Woche sp&auml;ter kam eine neue Losung hinzu: &bdquo;Erh&ouml;hung um 4 Prozent!&ldquo;, und das aus Anlass entweder eines Parteitages oder eines Gewerkschaftskongresses. Timofej fragte wieder nach, und wieder bekam er die gleiche Abfuhr.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EDer dritte Aufruf, der im Zusammenhang mit dem Jubil&auml;um des Verbandes der Jugend erschien, f&uuml;hrte bei dem jungen Mann endg&uuml;ltig zu Befremdung: Es kamen n&auml;mlich noch weitere drei Prozent hinzu, und in Summe ging es jetzt um ganze zehn Prozent. Er war ganz durcheinander: Wohin sollte man die Tonnen an &uuml;berz&auml;hligen Zeitungen entsorgen?\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EIhm wurde erkl&auml;rt, dass es nichts zu entsorgen geben w&uuml;rde, keine einzige &uuml;berz&auml;hlige Zeitung w&uuml;rde gedruckt werden, aber es gelte, die &bdquo;Anregungen von Oben&ldquo; zu unterst&uuml;tzen: Kaum versieht man sich&rsquo;s, gewinnt man damit im &bdquo;sozialistischen Wettbewerb&ldquo; und bekommt einen Wimpel als Auszeichnung. Reine Heuchelei und Pharis&auml;ertum also. Was, nach Meinung von Vater Timofej, mit der Zeit auch zum Zerfall des sozialistischen Vaterlandes gef&uuml;hrt hat. Der junge Drucker allerdings wollte die damals allgemein g&auml;ngige Politesse nicht begreifen.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003ESp&auml;ter, als er...\u003C/p\u003E","summary":"Unveröffentlichte Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow aus: „Das Erste Gebet“.","tags":["Russland","Kurzgeschichte"]},{"title":"Die Unüberwindliche und Legendäre","date_published":"2019-08-16T08:39:00+02:00","id":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/die-un%C3%BCberwindliche-und-legend%C3%A4re","url":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/die-un%C3%BCberwindliche-und-legend%C3%A4re","content_html":"\u003Cp\u003ENachts schneite es, und die MG-Sch&uuml;tzen sagten, als sie die Pilotenkanzel erklommen:\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Der Schnee ist eigens zu Ihrem Besuch gefallen: Von oben sieht man im Neuschnee jetzt nicht nur die Spuren von Menschen, sondern jede, die man will &ndash; selbst die von Hasen.&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EEtwas sp&auml;ter, bereits an Bord des Hubschraubers, redete der d&uuml;rre Oberst auf mich ein &ndash; versuchte dabei, das Geheul der Turbinen zu &uuml;bert&ouml;nen &ndash; und meinte, er habe die Taufe bisher immer wieder verschoben, darauf gewartet, bis er &bdquo;reif ist und es einsieht&ldquo;, und hier auf einmal habe er verstanden, dass es damit eilt und sie unverz&uuml;glich stattfinden m&uuml;sse.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EUnverz&uuml;glich ging es aber nicht: Wir &ndash; das ist ein Pulk aus Milit&auml;rs und Zivilen &ndash; standen im Frachtraum eines Mi-6-Transporthubschraubers und hielten uns aneinander fest, wenn das Vehikel in eine Kurve ging.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EUnter uns glitt das Vorgebirge mit seinen verlassenen Stellungen dahin: Auf jeder Anh&ouml;he sah man ein MG-Nest, zu dem Kommunikationswege f&uuml;hrten. Etwas sp&auml;ter sah man Batterien aus eingegrabenen Haubitzen und Selbstfahrlafetten, und schlie&szlig;lich wies der Oberst nach unten und br&uuml;llte:\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Urus-Martan!&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EWir landeten am Ortsrand, bei einem alten Garten. Einige der Passagiere verlie&szlig;en den Hubschrauber, die &uuml;brigen flogen weiter.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Meine Frau hat mir so oft gesagt: Lass dich taufen, lass dich taufen!&ldquo;, kn&uuml;pfte der Oberst an das zuvor Gesagte an. &bdquo;Wir haben ja auch eine Kirche in der Nachbarschaft. Ich habe das aber immer irgendwie&nbsp;&hellip; beispielsweise sagte sie mir: &rsaquo;Du hast doch beispielsweise auch der Heimat einen Eid geleistet?.. Das Volk kleidet und n&auml;hrt dich, und du erf&uuml;llst ihm gegen&uuml;ber deine...\u003C/p\u003E","summary":"Unveröffentlichte Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow aus: „Das Erste Gebet“.","tags":["Russland","Kurzgeschichte"]},{"title":"Der weibliche Charakterzug","date_published":"2019-06-19T06:31:00+02:00","id":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/der-weibliche-charakterzug","url":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/der-weibliche-charakterzug","content_html":"\u003Cp\u003EWir verbrachten ganze Tage auf Motorbooten auf der Suche nach Fisch, und trafen uns nur zum Mittag- und Abendessen. Meist waren sie etwas zu sp&auml;t, aber nur dezent, ganz, ganz wenig.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EAls erster betrat das Familienoberhaupt den Speiseraum: Ein st&auml;mmiger, betagter Mann. Ihm folgte seine Ehefrau, die, ganz im Einvernehmen mit ihm, von kleinem Wuchs, r&uuml;stig und ebenso silbrig-ergraut war. Hinter ihnen kamen: der Schwager, die Tochter, die Freundin der Tochter und schlie&szlig;lich der Ehemann der Freundin. Alle nacheinander w&uuml;nschten mir einen guten Appetit und nahmen mit angemessener Haltung Platz. Die Alten a&szlig;en, ohne die Blicke zu heben, schweigend und konzentriert. Sie gebrauchten die Gabeln und die L&ouml;ffel mit einem derartig einm&uuml;tigen Einvernehmen, dass sie den letzten Schluck Tee gleichzeitig nahmen. Nachdem sie sich die Lippen mit einer Serviette abgetupft hatten, erhoben sie sich, w&uuml;nschten den Verbleibenden einen guten Appetit oder eine gute Nacht und begaben sich in ihre Kaj&uuml;te.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EBeim Schwager klingelte unentwegt das Telefon, und es begann ein h&ouml;chst interessantes Gespr&auml;ch &uuml;ber die Feinheiten der Auff&uuml;hrung der Klavierst&uuml;cke von Hummel, Frank, H&eacute;rold, Field und noch irgendwelcher weiterer Komponisten, von denen ich noch nie zuvor auch nur das Geringste geh&ouml;rt hatte.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EDer Schwager versuchte die richtige Nuance zu bekommen, indem er einzelne Tons&auml;tze vorsang und diese mehrmals wiederholte. Es hatte den Anschein, als sei er P&auml;dagoge an einer renommierten Lehranstalt. Der dritte Mann war still, schweigsam und unauff&auml;llig. Daf&uuml;r aber quasselten die Freundinnen ohne Unterlass.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EAus ihren Gespr&auml;chen konnte ich schlie&szlig;en, dass sich die Gesellschaft, wohl mit Ausnahme des Musikers, vom Leben in irgendeiner gesperrten...\u003C/p\u003E","summary":"Unveröffentlichte Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow aus: „Nasch Sowremennik“ (Наш Современник) Nr. 11/2014.","tags":["Russland","Kurzgeschichte"]},{"title":"Die Königliche","date_published":"2018-02-19T21:30:00+01:00","id":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/die-k%C3%B6nigliche","url":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/die-k%C3%B6nigliche","content_html":"\u003Cp\u003EJelena Pawlowna geh&ouml;rte zu einem inzwischen verdorrten Zweig einer alten Adelsfamilie. Sie war ausgenommen sch&ouml;n, und obwohl ihre Erscheinung mit den Jahren nat&uuml;rlichen Ver&auml;nderungen unterworfen war, war diese Sch&ouml;nheit keinen Augenblick von ihr gewichen. In den Zeiten ihrer Kindheit sagte man von ihr folglich &bdquo;M&auml;rchenprinzessin&ldquo;, in ihrer Jugend &bdquo;bezauberndes Fr&auml;ulein&ldquo;, im reifen Alter bezeichnete man sie als &bdquo;umwerfende Frau&ldquo; und im fortgeschrittenen Alter als wundersch&ouml;ne Oma. Abgesehen von der Sch&ouml;nheit allerdings, die den russischen Frauen zum Gl&uuml;ck noch nicht abhandengekommen ist und die jeden, der seinen Gesichtssinn noch nicht vollkommen verloren hat, erfreuen kann, besa&szlig; Jelena Pawlowna noch eine weitaus seltenere Eigenschaft &ndash; eine einzigartige Eigenschaft, kann man sagen: Sie war k&ouml;niglich.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EWas denn nun dieses K&ouml;nigliche ist, das l&auml;sst sich sehr schwer exakt bestimmen. Eines ist gewiss: Diese Eigenschaft ist die von manchen Frauen. Zu M&auml;nnern passt eher die Herrschaftlichkeit &ndash; k&ouml;nigliche M&auml;nner erinnern unbedingt an Truth&auml;hne. Alle, die sie sahen, bemerkten ihre Haltung, wie sie ihren Kopf wendete, besonders aber die Art und Weise, wie sie sich fortbewegte. Jelena Pawlowna lief n&auml;mlich nicht so, wie alle anderen &ndash; es schien, als tr&uuml;ge sie sich selbst, und das kerzengerade, ohne Hast und unersch&uuml;tterlich. Dabei ging ihr jegliche &Uuml;berheblichkeit und jeglicher Hochmut ab, mit den Leuten verkehrte sie erstaunlich leicht und war sich nicht einmal f&uuml;r die schmutzigste aller Arbeiten zu schade.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EJelena Pawlowna habe ich nicht mehr getroffen: Es waren ihre Enkelinnen, die mir &uuml;ber sie berichteten, und das waren bereits Damen in durchaus erwachsenem Alter. Ihre viel ger&uuml;hmte Gro&szlig;mutter wurde im Jahr 1900 geboren...\u003C/p\u003E","summary":"Unveröffentlichte Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow aus: „Das Erste Gebet“.","tags":["Russland","Kurzgeschichte"]},{"title":"Priestermönch Sewastjan","date_published":"2017-08-06T02:20:00+02:00","id":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/priesterm%C3%B6nch-sewastjan","url":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/priesterm%C3%B6nch-sewastjan","content_html":"\u003Cp\u003EEinmal &uuml;bernachtete ich bei einem Batjuschka auf dem Dorf &ndash; ich hatte mich dort nach dem Haus des Priesters erkundigt, und mir wurde geraten, auf den Friedhof zu gehen: &bdquo;Dort wohnt er.&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EIch machte also den Friedhof ausfindig &ndash; links hinter dessen Eingang stand die Kirche, rechts &ndash; ein windschief gewordenes H&auml;uschen. Kaum hatte ich angeklopft, ging drinnen das Licht an, als w&auml;re ich erwartet worden.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EDer Hausherr war ein schm&auml;chtiges Alterchen mit einem grauen, d&uuml;nnen B&auml;rtchen &ndash; er begr&uuml;&szlig;te mich freundlich, fast freudig. Es hatte den Anschein, als habe er sich nach Gesellschaft gesehnt: &bdquo;Wie gut, dass Sie zu mir gekommen sind &ndash; vor allem noch rechtzeitig: Am Morgen wollte ich in die Lawra aufbrechen.&ldquo; Wir kochten Teewasser auf, und beim Tee machten wir uns n&auml;her miteinander bekannt. Er hie&szlig; Vater Sewastjan. Fr&uuml;her einmal war er verheiratet: &bdquo;Das ist lange her, da war ich noch Diakon; aber es dauerte nicht lange&ldquo;, und dann, als Witwer, wurde er zum M&ouml;nch geschoren und ist&rsquo;s seither auch immer gewesen. Ich meinerseits konnte ihm einige Neuigkeiten aus dem Leben der Hauptstadt berichten &ndash; dazu seufzte er, sch&uuml;ttelte den Kopf und trug schlie&szlig;lich eine Begebenheit aus einer Gemeinde zu unserer Unterhaltung bei.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EDie Sache nahm sogleich nach dem Krieg ihren Anfang. Ein Soldat kam auf dem Weg nach Hause durch dieses Dorf. M&auml;nner waren damals, wie bekannt ist, von unsch&auml;tzbarem Wert &ndash; als Beispiel f&uuml;hrte Vater Sewastjan an, dass der hiesige F&ouml;rster, den man aufgrund seines fortgeschrittenen Alters nicht an die Front einberufen hatte, Vater der Kinder von sechs verschiedenen...\u003C/p\u003E","summary":"Unveröffentlichte Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow aus: „Das Erste Gebet“.","tags":["Russland","Kurzgeschichte"]},{"title":"Licht","date_published":"2017-06-25T19:00:00+02:00","id":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/licht","url":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/licht","content_html":"\u003Cp\u003EMein Freund, ein &auml;lterer Moskauer Priester &ndash; Vater Alexij &ndash; erz&auml;hlte mir einmal, wie in seinem Herzen allm&auml;hlich ein f&uuml;r sein ganzes Leben sehr wichtiger Trost heranreifte.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EIn seiner Kindheit war Aljoscha sehr oft krank. Die &Auml;rztin, bei der er mal wegen Masern, mal wegen Keuchhusten, Windpocken, R&ouml;teln, und oft genug wegen Angina in Behandlung war, hielt es eines Tages nicht mehr aus: &bdquo;Was soll man nur mit dir machen? Vielleicht auf die M&uuml;llhalde werfen?&ldquo;. Die &Auml;rztin war dabei nicht b&ouml;se, ganz im Gegenteil &ndash; sie war freundlich, f&uuml;rsorglich und hatte selbstverst&auml;ndlich nicht die Absicht, ein krankes Kind auf die M&uuml;llhalde zu werfen; sie fragte ihn das aber, so kann man annehmen, um seine Eltern indirekt zu r&uuml;gen. &bdquo;Ich wei&szlig;, dass eure Familie gro&szlig; ist&ldquo;, sagte sie noch. &bdquo;Ich wei&szlig;, ihr habt einen verantwortungsvollen Beruf, aber trotzdem: Lasst das alles eine Zeitlang sein und schafft euren Sohn unverz&uuml;glich ans Meer.&ldquo; Auf diese Weise hatte Aljoscha erstmals in seinem Leben Moskau verlassen und fand sich in Anapa wieder.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EBis zu diesem Augenblick hatten seine Empfindungen vor allem damit zu tun, was ihm die Krankheiten brachten: Mit Senfpflastern, Spritzen, Kompressen, mit dem halb besinnungslosen Zustand bei Fieber und dem Gefangensein im Bett; hier aber, wo er endlich einmal nicht mehr krank war, er&ouml;ffnete sich ihm die ganze gro&szlig;e Welt, und seine Sinne strebten danach, sie kennenzulernen. Das war es wohl, warum er in diesem Sommer voller Aufmerksamkeit f&uuml;r die ihn umgebende Dinge war, so, wie es sp&auml;ter nie wieder sein sollte.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003ENat&uuml;rlich gab es in Anapa das Meer...\u003C/p\u003E","summary":"Unveröffentlichte Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow aus: „Das Erste Gebet“.","tags":["Russland","Kurzgeschichte"]},{"title":"Schneefall","date_published":"2017-06-25T08:54:00+02:00","id":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/schneefall","url":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/schneefall","content_html":"\u003Cp\u003EWir standen an der Stra&szlig;enbahnhaltestelle an der Promenade. Es schneite. Ich wusste, dass dieser nicht allzu hochgewachsene Mann ein gro&szlig;er Dichter war, jedoch hatte ich mich zu der Zeit nicht f&uuml;r seine Gedichte interessiert. Indes hatte ich mir eines, das bekannteste Gedicht &uuml;ber den Krieg, im Ged&auml;chtnis bewahrt.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EDurch die F&uuml;gung l&auml;ngst vergangener Angelegenheiten von der Front war er mit den Eltern einer meinem Herzen sehr lieben jungen Dame befreundet. Und hatte viele Jahre lang in dem Haus gelebt, in welchem sie lebten. Dann war er umgezogen. Und nun standen wir unter den Fenstern genau dieses Hauses und schauten zu, wie der Schnee fiel. Die gro&szlig;en Schneeflocken legten sich weich auf die &Auml;ste der alten B&auml;ume, auf die Verzierungen des gusseisernen Zauns, auf die Schienen, auf den Asphalt, auf die K&ouml;pfe und die Schultern der vor&uuml;bergehenden Menschen.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Einmal, vor langer Zeit&ldquo; &ndash; er schwieg und kramte in Erinnerungen &ndash; &bdquo;einmal, vor langer Zeit habe ich diesen wunderbaren Schnee schon einmal gesehen. Und das Seltsame ist, gesehen habe ich ihn auch hier &ndash; auf dem &bdquo;Platz des Kampfes&ldquo;.&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EDa kam die Stra&szlig;enbahn. Der Dichter wollte nicht einsteigen.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Wissen Sie was&ldquo;, schlug er pl&ouml;tzlich vor, &bdquo;lassen Sie uns lieber zu Fu&szlig; gehen &ndash; wir haben es ja nicht weit. Es w&auml;re doch schade, diesen wunderbaren Schneefall zu verlassen.&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EWir liefen erst die Palicha-, dann die Lesnaja-Stra&szlig;e durch. Da ich von naiven &Uuml;berlegungen &uuml;ber die Literatur erf&uuml;llt war, stellte ich ihm unentwegt Fragen, die ihm absurd vorkommen mussten, doch er beantwortete sie. Und als ich schlie&szlig;lich betont tiefsinnig von...\u003C/p\u003E","summary":"Unveröffentlichte Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow aus: „Nasch Sowremennik“ (Наш Современник) Nr. 11/2014.","tags":["Russland","Kurzgeschichte"]},{"title":"Haferkekse","date_published":"2017-01-16T04:50:00+01:00","id":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/haferkekse","url":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/haferkekse","content_html":"\u003Cp\u003EEs kommt vor, dass die gew&ouml;hnlichsten Phrasen, aus nichtigen Gr&uuml;nden ge&auml;u&szlig;ert, zu regelrechten Lehrs&auml;tzen werden. Was z&auml;hlt, ist der Augenblick, in dem diese simplen und an sich wom&ouml;glich uninteressanten Phrasen fallen. Wenn der Moment passt, so k&ouml;nnen selbst noch so gew&ouml;hnliche Worte, die wir mehrmals t&auml;glich aussprechen, eine besondere Bedeutung gewinnen und zu gewissen, mehr oder weniger gehaltvollen, &Uuml;berlegungen veranlassen. Was nun die Passgenauigkeit des Augenblicks angeht, so stellt das ein R&auml;tsel dar und l&auml;sst sich nicht auf die Schnelle erkl&auml;ren. Das ist dann eben, wie es sich gerade ergibt&nbsp;&hellip;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EEines Tages, an einem zweiten Februar, begingen wir bei Vater Archimandrit den Jahrestag der Schlacht von Stalingrad, bei der dieser auf &uuml;beraus heldenhafte Art und Weise beteiligt gewesen ist. Der Batjuschka war daf&uuml;r bekannt, dass er sich gegen&uuml;ber &auml;u&szlig;erst streng war, allen anderen Menschen aber mit einem unendlichen Wohlwollen begegnete. Er war bereits von allerlei Krankheiten geplagt, so dass er seine Zelle nur noch sehr selten verlie&szlig;, und wenn, dann nur ab und an, um zum Gottesdienst zu gehen: er betete mit allen, empfing die Kommunion&nbsp;&hellip; Er lebte also, so kann man sagen, in Klausur und im fortw&auml;hrenden Gebet. Den Jahrestag der Schlacht von Stalingrad beging er aber unabl&auml;ssig. Und ein jeder, der dessen gedachte, was genau am zweiten Februar neunzehnhundertdreiundvierzig passiert war, konnte bei ihm einkehren. Die Gedenkfeier lief in genauer &Uuml;bereinstimmung mit der Tradition ab, deren Anfang, wie wir wussten, noch damals an der Front gelegt worden war. Ein jeder bekam zwei verbeulte Aluminiumdeckel von Thermosbeh&auml;ltern: einen mit nicht gerade hundert, aber doch mit...\u003C/p\u003E","summary":"Unveröffentlichte Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow aus: „Das Erste Gebet“.","tags":["Russland","Kurzgeschichte"]},{"title":"Die westliche Peripherie","date_published":"2016-07-27T22:54:00+02:00","id":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/die-westliche-peripherie","url":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/die-westliche-peripherie","content_html":"\u003Cp\u003EIm Fr&uuml;hjahr ist es bereits hell, wenn die Nachtschicht zu Ende ist. Bis man sich da die H&auml;nde mit Kerosin gewaschen und sich umgezogen hat, steht die Sonne schon &uuml;ber dem Wagankowski-W&auml;ldchen. Ihr warmes Licht erhellt erst den ungestrichenen Bretterzaun, dann ber&uuml;hrt sie die an diesem Zaun geparkten Fahrzeuge und f&auml;llt schlie&szlig;lich auf die steinhart getrampelte Erde des Hofs der Werkstatt. Der bittere Geruch von Pappeln, von gelben Huflattichbl&uuml;ten und dem Staub von der Eisenbahnb&ouml;schung liegt in der Luft.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003ESerjoga hatte es nicht eilig, und selbst wenn er es eilig h&auml;tte &ndash; er hatte keine Kraft mehr. Nachdem er auf das Dach einer &bdquo;Emka&ldquo;\u003Csup id=\"fnref1:1\"\u003E\u003Ca href=\"#fn:1\" class=\"footnote-ref\"\u003E1\u003C/a\u003E\u003C/sup\u003E gestiegen war, schlief er ein. Auf dem breiten Dach des nebenan stehenden &bdquo;Horch&ldquo; w&auml;re es nat&uuml;rlich etwas bequemer gewesen &ndash; dort konnte man sich ausstrecken und sich von einer Seite auf die andere w&auml;lzen, aber der &bdquo;Horch&ldquo; war rosafarben, w&auml;hrend die &bdquo;Emka&ldquo; schwarz war &ndash; und die wurde im Sonnenlicht schneller warm.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EAuf der anderen Seite des Zauns, ganz nah, polterten die Z&uuml;ge, die Lokomotiven heulten und pfiffen, aber Serjoga h&ouml;rte all das nicht; er konnte es gar nicht h&ouml;ren, so m&uuml;de war er.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EEr erwachte in der Mittagsstunde von leisen, an diesem Ort aber sehr ungew&ouml;hnlichen Kl&auml;ngen: Jemand spielte Ziehharmonika. Es war Landin, der W&auml;chter, der, an die Sto&szlig;stange eines &bdquo;Studebaker&ldquo; gelehnt, zerstreut den &bdquo;Amurwellen&ldquo;-Walzer spielte. Serjoga glitt &uuml;ber das Heck von seiner Lagerstatt herunter.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Wo sind denn die ganzen Leute?&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003ELandin h&ouml;rte mit dem Spielen auf.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Die sind zur Kundgebung, zu den Eisenbahnern&ldquo;, antwortete er und blickte in die...\u003C/p\u003E","summary":"Unveröffentlichte Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow aus: „Das Erste Gebet“.","tags":["Russland","Kurzgeschichte"]},{"title":"Der Schuldner","date_published":"2016-05-14T06:04:00+02:00","id":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/der-schuldner","url":"https://chartophylax.de/%C3%BCbersetzungen/der-schuldner","content_html":"\u003Cp\u003EAndrej Srkjabnew &ndash; ein beflissener Sch&uuml;ler der Orakel der j&uuml;ngsten Zeit &ndash; war davon &uuml;berzeugt, dass der Mensch nicht nur denkt, sondern auch lenkt, und nicht einmal der Krieg konnte diese &Uuml;berzeugung seinem geschorenen Kopf austreiben.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Ljuba&ldquo;, schrieb er im Sommer f&uuml;nfundvierzig an seine Frau, &bdquo;wie ich es versprochen habe, kehre ich nun heil und unversehrt zur&uuml;ck.&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003EDa wurde der erfolgreiche K&auml;mpfer aber in die Mandschurei kommandiert, wo er noch vor Beginn der Kampfhandlungen auf eine Mine lief &ndash; der Tod nahm ihn ohne zu z&ouml;gern in seine wartenden Arme.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Trottel!&ldquo;, sagte die alte Marusja, als sie die Todesbenachrichtigung gelesen hatte. &bdquo;Da hat er sich selbst hinversprochen!&ldquo; &ndash; Sie behauptete n&auml;mlich, dass er einzig aufgrund seines Briefes ums Leben gekommen sei. &bdquo;Ist das denn vorstellbar? Den immer lauernden Tod so zu verleugnen!? Ein wahrer F&uuml;nfjahrplan-Trottel!&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Waru-u-um denn &sbquo;F&uuml;nfjahrplan&lsquo;?&ldquo;, schluchzte Ljuba.\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Weil er Pl&auml;ne gemacht hat wie im F&uuml;nfjahrplan: so-und-so viel Saatgut, so-und-so viel Kartoffeln, dann-und-dann wird ges&auml;t, dann-und-dann geerntet&nbsp;&hellip; Trottel!&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Kein Trot-t-tel!&ldquo;, war Ljuba ver&auml;rgert. &bdquo;Er war&nbsp;&hellip; im&nbsp;&hellip; immerhin beim Materialnachweis!&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Was denn, als g&auml;be es keine Trottel beim Materialnachweis! Ein Trottel, wie er im Buche steht! Ein ordentliches Mannsbild hat wenigstens irgendeine Fertigkeit: Der eine ist, sagen wir, ein Schreiner, ein anderer Schmied, der dritte ist Hirte&nbsp;&hellip; Nur die ganz und gar Nutzlosen sind beim Materialnachweis&nbsp;&hellip; Was hast du nur an ihm gefunden?&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Die Keulenhose-e-en!&ldquo;, heulte die frischgebackene Witwe los. &bdquo;Mit Di-a-go-nalbindung&nbsp;&hellip;&ldquo;\u003C/p\u003E\n\u003Cp\u003E&bdquo;Du bist ja genauso eine N&auml;rrin&ldquo;, seufzte die Mutter. &bdquo;Was kann man schon von einer wie dir erwarten? Ach, Andrjuscha, Andrju-schenka!.. Was sollen...\u003C/p\u003E","summary":"Unveröffentlichte Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow aus: „Das Erste Gebet“.","tags":["Russland","Kurzgeschichte"]}]}
